Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein

"Eine Jahrhundert-chance" nutzen

Was in den kommenden Monaten und Jahren in Siegen geschieht, ist bundesweit einmalig. Wenn sich weitere Bereiche der Universität in der Innenstadt ansiedeln, werden sich das Gesicht und der Charakter des Oberzentrums grundlegend verändern – und zwar zum Positiven. Davon zeigen sich die Vertreter der Gewerkschaften, des Arbeitgeberverbandes, des Handwerks und der IHK überzeugt. Sie rufen die Siegener Kommunalpolitik auf, diese „strukturpolitische Jahrhundertchance“ beherzt zu ergreifen und dabei zugleich eine möglichst breite Beteiligung von Bürgern, Wirtschaft, Arbeitnehmern und Zivilgesellschaft sicherzustellen, ohne „das Große und Ganze“ aus den Augen zu verlieren. Mit der Ergänzung des bisherigen Campus Unteres Schloss in die Bereiche Friedrichstraße und Häutebachweg werde das Zentrum städtebaulich erneuert und damit funktional auf die nächsten Jahrzehnte ausgerichtet.

„Die Stadt erhält die Chance einer ,Frischzellenkur‘ – und das nicht nur in städtebaulicher Hinsicht. Lange Jahre war Siegen eine Stadt mit einer Universität. Jetzt können wir uns zu einer wirklichen Universitätsstadt entwickeln. Schon heute wird das Gesicht Siegens jünger, das städtische Flair erhält buntere, kreativere und vielfältigere Facetten. Die zahlreichen Studierenden beleben die Stadt. Und das ist gut so. Dieser Effekt verstärkt sich noch einmal spürbar. Das wird die Stadt und die gesamte Region bereichern“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener. Die Angebote in Einzelhandel und Gastronomie würden sich verändern und verbreitern. Wo Corona anderen Ortes eine verheerende Wirkung auf die Zentren zu entfalten drohe, biete das Vorhaben „Uni in die Stadt“ eine einzigartige Chance, um die zahlreiche andere Städte die Stadt Siegen sicherlich beneideten.

Dass die Siegener Innenstadt dank des studentischen Lebens auch künftig attraktiv sein wird, davon ist auch Ingo Degenhardt, der Geschäftsführer der DGB-Region Südwestfalen, überzeugt. Es sei davon auszugehen, dass der Umzug der Universität Impulse für neue Geschäftsmodelle und kreative Visionen freisetze. „Das Projekt trägt wesentlich dazu bei, attraktive Arbeitsangebote vor Ort zu erhalten und auszubauen. Dabei geht es längst nicht nur um Jobs für Akademiker. Alle Erfahrung zeigt: Kurze Wege führen zu einer engeren Zusammenarbeit. Durch Kooperationen der Universität mit Industrie, Dienstleistern, Handel und Handwerk wird es zu neuen Projekten und Aufträgen kommen, die Beschäftigung sichern und auch weiterhin gute Arbeit möglich machen.“

Dr. Thorsten Doublet, Geschäftsführer der Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein, hebt die branchenübergreifende Bedeutung der Lebensqualität hervor. „Die Attraktivität des Wohn- und Lebensumfeldes ist für Fachkräfte ein wichtiges Argument, ein Karriereangebot anzunehmen. Ein zukunftsorientiertes Einzelhandels- und Freizeitangebot spielt dabei eine wichtige Rolle. Man kann getrost von einem Schub für die Kulturszene und die Kreativwirtschaft ausgehen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass mehrere tausend junge Menschen in der Stadtmitte über eine entsprechend hohe Nachfrage zu einer Angebotsbreite beitragen werden, die einmalig ist. Ich arbeite mittlerweile fast 20 Jahre hier. Was in dieser Zeit in dieser Stadt geschah, ist heute bereits ein Quantensprung. Prima, dass diese Entwicklung weitergeht.“

Auch Jürgen Haßler, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd, kann der Uni in der Stadt viel Positives abgewinnen: „Was im Handwerk die Auszubildenden, sind im Universitätsbereich die Studierenden, die durch den Uni-Umzug bzw. die Ausweitung der Universität das Stadtbild und die Angebotsstruktur vor Ort prägen und positiv beeinflussen werden. Entscheidend ist, dass sich die jungen Menschen, einerlei ob in der dualen Ausbildung oder im Studium, wohlfühlen und hier ihre berufliche und private Zukunft sehen. Mal ganz abgesehen davon, dass die erheblichen Investitionen in die Innenstadt auch zahlreichen Firmen und deren Mitarbeiter/innen in der Bauphase und darüber hinaus Arbeit bringen.“

Auf eine weitere Auswirkung weist Andree Jorgella, erster Bevollmächtigter der IG Metall Siegen, hin: „Die vielen jungen Menschen, die hier in den kommenden Jahren erstmals studentisches Leben mitten im Zentrum der Universitätsstadt erleben können, haben ganz unterschiedliche Herkünfte und Biografien. Sie bereichern das Zusammenleben in der Stadt und stärken gesellschaftliche Vielfalt und Toleranz. Junge, neugierige Menschen bringen uns weiter, sie eröffnen im wahrsten Sinne des Wortes neue Horizonte.  Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung ist das eine nicht nur erfreuliche, sondern auch sehr verheißungsvolle Entwicklung.“

Hierauf freue man sich, weil dies entscheidend dazu beitrage, unsere Heimat auch künftig lebenswert zu gestalten. Eine ansprechende Arbeitsplatzumgebung für Beschäftigte im Zentrum von Siegen ist auch ein Beitrag zu Work-Life-Balance“, ergänzt ver.di-Geschäftsführer Jürgen Weiskirch, der zugleich betont: „Mit dem Projekt „Siegen zu neuen Ufern“ ist es gelungen, eine Aufbruchstimmung hervorzurufen, die sich zum Teil sogar auf die Umlandgemeinden erstreckt hat. Dies bemerkten nicht nur die Anwohner, sondern auch die vielen Besucher und Gäste in der Stadt. Das Oberzentrum lebt. Und hiervon profitiert auch sein Umfeld. Gerade im Angesicht der Corona-Krise gilt es, hieran anzuknüpfen und die Chance, die sich durch den weiteren Umzug der Uni in die Innenstadt für Stadtleben und Stadtbild eröffnet, gemeinsam zu ergreifen.“

„Man neigt in Deutschland generell dazu, wichtige Infrastrukturprojekte von Beginn an durch kleinkarierte Diskussionen zu zerreden, selbst wenn die Vorteile bei weitem überwiegen“, geben die Vertreter von Gewerkschaften, Verbänden, Handwerk und IHK zu bedenken: „Für die Zukunft der Stadt hängt von dem Umzug der Uni in Siegens Mitte sehr viel ab. Die Devise sollte unseres Erachtens daher lauten: die Riesenchance erkennen, möglichst viele Menschen im Entscheidungsprozess beteiligen und dann zügig in die Umsetzung gehen. Mitmachen statt Miesmachen also. Wenn gewünscht, stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung, das Mammut-Projekt positiv zu begleiten“, so Ingo Degenhardt, Dr. Thorsten Doublet, Klaus Gräbener, Andree Jorgella, Jürgen Haßler und Jürgen Weiskirch abschließend.